Begeistert gehe ich durch die Straßen. Und dann begegne ich IHM. Hier an diesem (potentiell) heiligen Ort. Er sieht arm aus, verlottert. In seinem Kaffeebecher aus Pappe klimpern die Münzen von vorangegangenen Passanten. Ich möchte vorbeigehen und richte meinen Blick auf die andere Straßenseite, als würde ich dort etwas interessantes entdeckt haben. Doch dann muss ich doch einen Blick auf IHN werfen. Aus Neugierde. Sein verkrüppeltes Bein hat er nackt und vernarbt in die Sonne gelegt und den Arm hält er mitleidshaschend so verdreht, dass sein Körper noch etwas entstellter aussieht. Und dann begegnen sich unsere Blicke. Zu blöd. Ich schenke IHM ein Lächeln, zumindest das und will weitergehen. Doch der Blickkontakt hat mich berührt.
Ich will sagen, was schon Petrus damals gesagt hat. Als Entschuldigung. "Silber und Gold habe ich nicht!" Doch seit ich "The Miniature Earth" gesehen habe, weiß ich, dass auch ich einer reichsten Menschen dieser Erde bin und doch irgendwie etwas Silber und Gold angehäuft habe. Wie ärgerlich. Sonst könnte ich der Armut einfach mit "Ich habe selber nichts!" begegnen. Was soll ich ihm geben, als Mensch und als Christ?
"Silber und Gold habe ich nicht, doch was ich habe gebe ich dir. Im Namen Jesus Christi, von Nazareth, steh auf und geh!"
Soll ich IHM mein Geld geben? Ein wenig? Oder alles?
Soll ich alles verkaufen und den Erlös IHM geben, meine Frau und mein Kind unter den Arm nehmen und mich zu den Lilien auf dem Feld stellen?
Soll ich IHM mein MacBook geben, damit er sich im Netz einen Arbeitsplatz suchen kann?
Soll ich IHN nach hause mitnehmen, IHN in meinem Bettchen schlafen, von meinem Tellerchen essen und aus meinem Tässchen trinken lassen?
Soll ich IHM 10 Minuten meiner Zeit schenken und IHM erzählen, dass Gott IHN liebt, denn in der Seele liegt wahrscheinlich seine Größte Not?
Soll ich IHM 3 Minuten meiner Zeit schenken, für IHN beten und mich anschließend über einen "singenden und springenden" Geheilten freuen und mit IHM meinen Gott loben?
Soll ich IHM sagen, dass ich schon einiges gegen Armut tue, indem ich fairen Kaffee und fair gehandelte T-Shirts kaufe?
Soll ich IHM sagen, das ich gehört habe, dass die heutigen Bettler alle in einer Mafia zusammengeschlossen sind, die ich nicht unterstützen werde und IHM darum auch nichts geben werde?
Soll ich IHM sagen, dass ich meine Steuern zahle, er einen Teil davon gerne beim nächsten Arbeitsamt abholen kann und ein Danke seinerseits an dieser Stelle eigentlich mal angebracht wäre?
Petrus Worte in Ap.3 beunruhigen mich. Vor allem, seit mir plötzlich bewusst wurde, dass "Was ich habe, gebe ich dir!" viel mehr beinhaltet, als all mein Silber und Gold. Wie ärgerlich, dass ich reich bin und doch so arm.